Am 12. September lud die Victor Rolff Stiftung zum „Praxistag Leseförderung“ ein. Eingeladen waren Kooperationspartner und weitere Expertinnen und Experten. Gemeinsam widmete man sich der Frage, wie man gute Rahmenbedingungen für Literatur und Lesen in der Jugendkultur schaffen kann.

Ziel des Fachtages war es, mit den unterschiedlichen Akteuren und Akteurinnen aus dem Feld Literaturvermittlung und Leseförderung in der Region in das Gespräch zu gehen und frische Perspektiven auf den Zugang zu Literatur einzunehmen. 

Prof. Gerhard Lauer, Buchwissenschaft Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, setzte den ersten Impuls des Praxistages mit der Beschreibung einer literarischen Jugendszene, in der die digitale und die analoge Welt fließend ineinander übergingen. Die Regeln des Buchmarkts würden dadurch genauso verändert wie die der Literaturkritik.

Mit sechs Milliarden Views für eine Buchempfehlung erreiche Booktokerin „Pauline“ eine Reichweite, von der ein Marcel Reich-Ranicki nur träumen könne. Nicht zuletzt gingen Lesen und Konsumieren in Produzieren, kreatives Schreiben, Performance, Content Creation und Modekultur ineinander über.

Leonie Schuh stellte das von der Rolff-Stiftung geförderte Projekt Read.Write.Show des Vereins Junge Stadt Köln e.V. vor, das jungen Menschen Raum zum Schreiben und Performen bietet.

Während Verlagsmitarbeiterin Hilke Schenck konstatierte, dass der Verkauf von Büchern in der Zielgruppe der 10-15-jährigen von 2024 auf 2025 um 30 % zurückgegangen sei, betonte Buchwissenschaftler Lauer vor allem, dass bei jungen Erwachsenen anders, in anderen Medien und digitalen Foren, aber immer noch intensiv, viel und mit analytischem Tiefenaustausch gelesen werde.

In der Runde diskutierten Akteure aus Verlag, Buchhandel, Bibliothek, Deutschlehrkräften, Didaktik, Lesementorinnen, Jugendbuchautoren und Literaturveranstalterinnen aus unseren Förderkontexten. Erörtert wurde, welche Auswirkungen und Chancen die veränderte Lebenswelt der Jugendlichen birgt. So entfielen im digitalen Raum gewisse Schwellen, wodurch auch neue Zugänge für neue Gruppen von Schreibenden und Lesenden entstünden.

Jugendbuchautor Christian Linker stellte in seinem Impuls die Frage, welchen Stellenwert das gesellschaftskritische und realistische Jugendbuch habe – in Zeiten, in denen Romantasy und Ähnliches im Trend lägen, welche eher Weltflucht als Auseinandersetzung anböten. Linker behandle „Themen, die wehtun“ - wie die Geschichte jugendlicher Radikalisierung „Dschihad Calling“. Er plädierte dafür, bei aller Offenheit für leichte Lesekost, die Bildungschancen von Literatur nicht zu leichtfertig aufzugeben. Literarische Möglichkeiten, andere Realitäten kennenzulernen, ermöglichten Teilhabe und bildeten die Basis für eine demokratische Haltung.

Hilke Schenck stellte die Strategien der Leserbindung im Carlsen Verlag vor, die von ersten Büchern im Babyalter, über das Pixibuch bis hin zu japanischen Mangas und den sogenannten Young Adult-Romanen gingen. Eine Strategie, jungen Leser:innen den Weg auch in die realistische Literatur zu ebnen, sei es, kurze Texte in einfacher Sprache mit aktuellen Themen und spannender Handlung zu verlegen.

Als Verlagsmitarbeiterin unterschied sie dabei stets wachsam, dass die Zielgruppe der Vermarktung nicht immer Aufschluss darüber gebe, ob das Buch auch tatsächlich z.B. von männlichen Teenagern gelesen werde.

Das Vernetzen der Förderpartner und regionalen Akteure ist gelungen und der Austausch soll fortgesetzt werden.